DER LÄNDLICHE RAUM WIRD DURCH JENAS KLIMASCHUTZPOLITIK WICHTIGER

Der Ländliche Raum wird durch Jenas Klimaschutzpolitik wichtiger.

Es ist Sommer 2021 und Bilder von Überflutungen in Deutschland und Waldbränden bringen den Klimawandel mit all seinen Folgen auch ins Thüringer Bewusstsein. Der sechste Weltklimabericht warnt, dass der Klimawandel schneller stattfindet, als bisher vermutet. Im Juli nennen nach der Forschungsgruppe Wahlen 44 Prozent der Deutschen Umwelt/Klimaschutz/Energiewende als wichtigstes Problem direkt hinter Corona. 72 Prozent sagen, dass zu wenig für den Klimaschutz getan wird.

Wird Jena klimaneutral?

Nach einer Untersuchung des Thüringer Institut für Nachhaltigkeit und Klimaschutz zufolge konnte Jena die Emissionen von 1.749.000 t CO2 in 1990 um rund 71 Prozent auf 513.415 t CO2 in 2019 senken. Mit dem “Leitbild Energie & Klimaschutz der Stadt Jena 2021-2030” hat sich Jena zu Maßnahmen verpflichtet, welche die Pariser Klimaziele auf kommunaler Ebene Umsetzen sollen. Ein Beschluss des Stadtrates im Juli 2021 übernahm die Forderung des damals laufenden Bürgerentscheides, dass die Stadt Jena bis 2035 klimaneutral werden soll.

Jena alleine kann es nicht.

Dieses ambitionierte Ziel wird sich nur mit einer fundamental anderen Beziehung und Zusammenarbeit mit dem ländlichen Raum, vor allem die uns umgebenden Landkreise Saaleholzland und Weimarer Land zu schaffen sein.

Wohnen ist im hochpreisigen Jena eine soziale, aber auch ökologische Frage geworden. In den letzten drei Jahren (2018-2020) hat Jena entgegen den Annahmen ans Bevölkerung verloren. Gerade Familien ziehen in bezahlbaren Wohnraum ins Umland und pendeln nach Jena. Leider ist die Schaffung von (bezahlbarem) Wohnraum in Jena zwar gewünscht, konkrete Projekte stoßen aber wegen der Verdichtung schnell auf Widerstand. Vermeintlich konfliktfreie Neusiedlungen (“Jägerberg”) sollen das Problem lösen. hier brauchen wir den ländlichen Raum. Wo möglich müssen wir in Jena Geschosswohnungsbau aber auch Einfamilienhäuser ermöglichen, denn eine aktive Klimapolitik braucht eine Stadt der kurzen Wege. Eine Verdichtung findet aber schon aus Klimaschutzgründen auch Grenzen. Hier mussen das Oberzentrum Entwicklungen im Ländlichen Raum anhand bestehender Infrastruktur ermöglichen. Die Partnerschaft wird bei der Flächenentwicklung von Gewerbeflächen (JenA4) bereits gelebt, warum nicht auch im Wohnungsbau?

Nur so reduzieren wir Verkehr, dessen CO² Emissionen gegen den Trend sogar gestiegen sind. Rund 26.500 Einpendler und 11.400 Auspendler verdeutlichen die Beziehung zum Umland, die wir mit einer bedürfnisorientierten Flächenpolitik von Stadt und Land ausgleichen müssen. Jena diskutiert einen kostenlosen Nahverkehr, was für viele Jenaer Ortsteile, vor allem aber für die Pendler aus dem Umland gar keine Option darstellt. Bevor der Bus kostenlos fährt, muss er überhaupt fahren. Deswegen sollten wir vorrangig Ortsteile anschließen, das Netz erweitern und einen abgestimmten Nahverkehrsplan aufstellen. Solange das Umland auf PKW angewiesen ist, schafft eine Autofreie Jenaer Innenstadt nur eine zusätzliche Barriere zwischen Stadt und Land auf Kosten des Landes. Elektromobilität hilft nur weiter, wenn nicht nur in der Innenstadt, sondern in jedem Dorf eine Lademöglichkeit existiert.

Völlig umgekehrt sind die Abhängigkeiten bei der Energieerzeugung. Während der Elektromobilität im ländlichen Raum oft (noch) keine Alternative ist, werden dort die Windkraftanlagen für den Strombedarf der Stadt aufgestellt. Jena selbst nutzt nicht annähernd die Möglichkeiten zur Erzeugung von erneuerbaren Strom und Wärme, die es hätte. Nur 4 Prozent der Potentialfläche wird für die Erzeugung von solarer Energie oder Wärme genutzt. Solaranlagen sind auf den Dächern immernoch zu wenig zu finden, Brachflächen (Jägerberg) noch ungenutzt. Die Fernwärmeerzeugung im Großkraftwerk benötigt einen umweltfreundliches Szenario und Wärmepumpen müssen der Standard im Neubau werden. Aber selbst, wenn Jena sein eigenes Potential der Dachflächen vollständig nutzen würde, wären rechnerisch etwa 48km² zusätzlich nötig, um die Stadt z.b. per Solarenergie selbst zu versorgen. Das wären etwa 40% der Fläche der Stadt Jena oder 6% der Fläche des SHK oder vergleichbar noch weiter entfernt. Hieran wird deutlich, wie abhängig Jena vom ländlichen Raum ist. Jena wird diesen Gemeinden etwas bieten müssen.

Fazit: Umwelt kennt keine Grenzen - auch keine Kreisgrenzen

Jena will und soll auch klimaneutral werden. Dafür braucht die Stadt das Umland viel mehr als das Umland die Stadt. Ein Dorf klimaneutral zu entwickeln, dass passiert schon, aber für eine moderne und große Industriestadt braucht es eine völlig neue Partnerschaft zwischen Stadt und Land auf Augenhöhe. Das Land stellt gezielt Wohnraum an Infrastrukturachsen zur Verfügung, produziert die Energie über Biomasse, Windkraft oder Solaranlagen. Die Stadt muss bereit sein, als Oberzentrum auch die Infrastruktur gezielt Bedürfnisse des Umlandes mit Berücksichtigen. Dazu gehört ein Anschluss an den ÖPNV, der nicht an Kreisgrenzen stoppt, Erreichbarkeit für den (elektrischen) PKW-Verkehr, aber auch eine kooperative Schul- und Bildungslandschaft.

Jena und das Umland sind verschieden, aber gehören zusammen. Die Gemeinde- und Gebietsreform sind gescheitert, aber schon jetzt gibt es für viele Bereiche nur eine Entwicklung in der Kooperation, die in der gemeinsamen Gewerbeflächenentwicklung bereits praktiziert wird. Aber nirgends ist die gegenseitige Abhängigkeit von Stadt und Land so ausgeprägt wie in der kommunalen Klima- und Umweltpolitik. Habere aude - haben wir Mut, diese Zukunft gemeinsam zu erreichen.

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Stellvertretender Kreisvorsitzender und Stadtrat Bastian Stein